Wer in der Unteren Lobau von der Kreuzgrundtraverse auf der Forststraße nach Süden in Richtung Donau wandert, durchquert zuerst die Trockenrasen des Kreuzgrundes, dann kommt zu linker Hand ein Schwarzföhrenbestand.
In einer Aulandschaft auf Schwarzföhren zu treffen, ist einerseits unerwartet, andererseits ist diese an karge und trockene Standorte gut angepasste Baumart bei einer Heißlände durchaus stimmig.
Viele kennen die im Marchfeld auf ehemaligen Sandverwehungen gepflanzten Kiefernwälder oder im Wienerwald die auf armen Felsböden gedeihenden Schwarzföhrenbestände. Da passen die Schwarzföhren des Kreuzgrundes durchaus ins Bild und es ergibt sich die Frage, ob dieser Baumbestand ein ursprüngliches Element trockener Auflächen ist oder vom Menschen hierhergebracht wurde.
Was uns die Geschichte erzählt
Der Botaniker August Neilreich beschreibt 1846 in seiner „Flora von Wien“, dass die Schwarzföhre im Wienerwald und weiter südlich vorkommt, für die Donauniederung oder für das Marchfeld nennt er keine Vorkommen. Auch die Rotföhre ist für ihn keine in der Wiener Donauniederung bekannte Art, ihre nächsten Standorte finden sich erst im Norden des Marchfeldes an der Grenze des Sandsteins.
Dies bestätigt sich in der detaillierten Vegetationserfassung von Siegfried Reissek (um 1860) kurz vor der großen Donauregulierung, welche die Schwarzföhre für die Wiener Donaulandschaft nicht anführt und die Rotföhre nur für die weiter stromauf liegenden Donauauen bei Mautern, Krems, Tulln und Stockerau nennt.
Ein weiterer interessanter Bericht zur Vegetation der Lobau ist die Studie von Adele Sauberer, welche in den Jahren 1935 – 1936 die Untere Lobau im Rahmen ihrer Doktorarbeit umfangreich untersucht hat. Die Ergebnisse sind als zusammengefasste Publikation erhalten geblieben, auch wenn die originale Ausarbeitung leider verschollen ist.
Zu ihren interessantesten (und aus heutiger Sicht vom Naturverlauf widerlegten) Schlussfolgerungen zählen, dass für die Untere Lobau eine langsame Ausbreitung der Trockenvegetation sichtbar ist und dass auf den Trockenflächen eine Sukzession in Richtung Gehölzbestände nicht oder nur äußerst langsam möglich sei.
Adele Sauberer gibt an (Seite 49), dass in der Unteren Lobau des Jahres 1935/36 lediglich eine Anpflanzung von Schwarz- und Rotföhren besteht, und dieser Standort lässt sich eindeutig der Zainetau nördlich des Kühwörther Wassers zuordnen.
Für den Kreuzgrund wird von ihr keine Föhrenbestand ausgewiesen. Ein solcher wäre ihr gewiss nicht entgangen, denn der Kreuzgrund war für Adele Sauberer ein besonders interessanter Standort und sie hat sich dieser Fläche intensiv gewidmet, wie sie später mündlich berichtet hat.
Wir können daher aus den Literaturbefunden den Schluss ziehen, dass Föhren in der Lobau nicht heimisch sind, und dass der Schwarzföhrenbestand beim Kreuzgrund im Jahr 1935/36 noch nicht bestanden hat.
Historische Luftbilder
Bereits aus dem Jahr 1938 ist auch ein erstes Luftbild bekannt (siehe Abb. 2) und dieses kann am Geodaten-Viewer der Stadt Wien eingesehen werden. Baumarten sind bei frühen Luftbildern generell schwer zu bestimmen. Das gilt besonders für die frühen SW-Aufnahmen.
Das Luftbild Abb. 2 lässt erkennen, dass im Bereich des heutigen Schwarzföhrenbestandes (mit gelber Linie eingezeichnet, siehe Abb. 3+) zu wesentlichen Teilen überhaupt keine Gehölze vorhanden waren und dass der schüttere Gehölzbestand sich nicht von den Laubgehölzen des Umlandes unterscheidet.
Der Rot- und Schwarzföhrenbestand in der Zainetau ist hingegen durch seine auffällig dunkle Färbung auf dem alten SW-Luftbild des Jahres 1938 gut sichtbar (siehe Abb. 4) und bestätigt die Beschreibung von Adele Sauberer.
Abbildungen 2, 3 und 4 (zum Vergrößern klicken)
Aber kehren wir zurück zum Kreuzgrund und zur Fläche des heutigen Schwarzföhrenwäldchens: Aus dem Jahr 1944 gibt es ein weiteres SW-Luftbild (siehe Abb. 5). Dieses ist auch in der Ausstellung im Besucherzentrum des Nationalparks in Schloss Orth zu sehen.
Im Vergleich von 1938 und 1944 sehen wir, dass die Veränderung der Gehölzbestände am Kreuzgrund sehr langsam verläuft.
Das ist eine scheinbar belanglose Aussage und wenig überraschend, aber es ist eine sehr wichtige Information – sobald wir uns das nächste Luftbild des Jahres 1956 ansehen (siehe Abb. 6): Der gesamte Kreuzgrund ist im Jahr 1956 plötzlich leergeräumt!
Abbildungen 5 und 6
Durch den Luftbildvergleich der Jahre 1938 und 1944 können wir ausschließen, dass am Kreuzgrund ein Entwicklungsprozess in Richtung Entwaldung im Ablauf war und dass das Jahr 1956 den Endzustand eines solchen Voranschreitens der Trockenvegetation darstellt.
Die Laubgehölze sind im Luftbild 1956 teils unbelaubt, und dies verstärkt den Eindruck.
Aber auch das Luftbild des Jahres 1961 (siehe Abb. 7, hier links), welches im belaubten Zustand durchgeführt wurde, zeigt den Kreuzgrund weitgehend gehölzfrei.
Wir sehen in dieser Aufnahme aber auch erste niedrige Gehölze in genau jenen Bereichen, wo der heutige Schwarzföhrenbestand zu finden ist.
Diese aufkommenden Gehölze können wir eindeutig interpretieren, wenn wir uns die weitere Folge der Luftbilder 1971 (Abb. 8), 1976 (Abb. 9), 1986 (Abb. 10) und 1992 (Abb. 11) ansehen – denn es ist die Entwicklungslinie des heutigen Schwarzföhrenbestandes!
Die Farbbilder der Jahre 2014 (Abb. 12) und 2025 (Abb. 13) zeigen die aktuelle Situation.
Abbildungen 8, 9, 10, 11, 12 und 13
Die Entwicklung des Schwarzföhrenbestandes am Kreuzgrund können wir dank dieser historischen Bilderreihe zeitlich und räumlich gut verfolgen.
Altersbestimmung der Schwarzföhren
Wir haben aber noch weitere Informationen: Zur Sicherung der Forststraße müssen gelegentlich Bäume umgeschnitten werden. Diese Schnitte erlauben eine sehr genaue Altersbestimmung – zumindest für den Fachmann, der die Zellstrukturen mit einer Lupe inspiziert.
Für uns ist das Unterscheiden der einzelnen Jahresringe nicht immer ganz einfach, denn in manchen Jahren ist der Zuwachs sehr gering und die Abgrenzung schwierig oder es werden in einem Jahr mehrere Wachstumsperioden abgegrenzt. Aber wir können auch mit freiem Auge eine hinreichend genaue Aussage treffen.
Die hellen Ringe entsprechen den Phasen mit starkem Wachstum (d.h. zumeist ein heller Ring in einem Sommerhalbjahr), die dunklen Ringe werden in den Phasen mit geringem oder fehlendem Wachstum angelegt.
Einige Baumstümpfe sind knapp am Wegesrand und zeigen uns, dass diese Bäume ihr Leben vor etwa 60 bis 70 Jahren begonnen haben, also im Jahr 1955 – 1965. Das passt sehr gut zu den Luftbildern 1961 und 1971.
Die Abbildungen 14 bis 16 sind aktuelle Baumschnitte aus dem Schwarzföhrenwald: Probieren Sie die Altersbestimmung einmal aus, diese Methode wird Ihnen auch bei anderen Gelegenheiten interessante Informationen liefern.
Abbildungen 14, 15 und 16
Da wir den Fällungszeitpunkt (= Winter 2025/26) genau kennen, könnten wir bei Bedarf von der äußeren Zuwachslinie nach Innen jedes Ringpaar einem bestimmten Jahr zuordnen und die Zuwachsleistung mit Witterung und Wasserverfügbarkeit in Beziehung setzen. Die Bäume eines Waldbestandes zeigen ähnliche Wachstumsmuster, auch wenn jedes einzelne Individuum durch Parasiten, Beschattung, und andere Faktoren individuelle Feinheiten aufweist.
Das Wissen der Ortskundigen
Eine letzte Informationsquelle haben wir noch: Es ist das Wissen der Ortskundigen und des Forstpersonals.
Bei so weit zurück reichenden Betrachtungen ist unmittelbare Erinnerung nur mehr selten möglich. Besondere Ereignisse werden aber zwischen den Generationen durch Erzählungen tradiert und dies ist auch im hier betrachteten Fall geschehen:
Vom ehemaligen Revierleiter Ing. Ernst Zecha wurde an den heutigen Revierleiter Ing. Günter Walzer mündlich berichtet, dass nach dem zweiten Weltkrieg der Kreuzgrund vollständig abgebrannt ist. Das Brandereignis war so heftig und schwer einzudämmen, dass Brandschutzschneisen gezogen werden mussten, welche auch heute noch als flache Gräben zu erkennen sind.
Die forstgeschichtlichen Ereignisse und Eingriffe möglichst weit zurückreichend greifbar zu machen, ist Teil eines aktuellen Projektes der Nationalparkverwaltung und der beiden Forstbetriebe. Dabei werden Revierbücher und überliefertes Wissen zusammengetragen, um die Entwicklung der Waldflächen des Nationalparkgebietes besser zu verstehen.
So manche überraschende Erklärung wird dabei wohl noch gefunden werden!
Zusammenfassung
Alle Informationsquellen passen nun gut zusammen und ergeben ein schlüssiges Bild:
- Der Kreuzgrund war bis nach dem Zweiten Weltkrieg ein Trockenstandort mit schütterem Laubgehölzbestand.
- Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu einem Flurbrand, der den gesamten Kreuzgrund erfasste. Alle Gehölze wurden beim Brand oder bei der Brandnachsorge entfernt.
- Um 1960 wurden auf Teilen der kahlen Fläche Schwarzföhren angepflanzt, welche sich zum heutigen Schwarzföhrenbestand entwickelt haben.
Bleibt noch die Frage nach der Zukunft dieses Schwarzföhrenbestandes:
Schwarzföhren sind Lichtkeimer. Innerhalb des Baumbestands mit bodenbedeckendem Nadelfilz und dichter Strauchvegetation ist eine natürliche Verjüngung kaum möglich. Dies gelingt jedoch auf der angrenzenden Heißlände, deren Fläche die Schwarzföhren einschränken und bedrängen. Im Übergang zur offenen Heißlände werden die Schwarzföhren daher langsam reduziert.
Entlang der Forststraße sind gelegentliche Sicherungseingriffe erforderlich, wodurch der Föhrenbestand ausdünnt und durch aufkommende Laubgehölze ersetzt wird. Das ist auch aus Gründen der Waldbrand-Vorsorge eine vorteilhafte Entwicklung.
Auf lange Sicht wird der Schwarzföhrenbestand daher einer naturgemäßen Vegetation weichen.
Quellen
- Sauberer, Adele (1942): Die Vegetationsverhältnisse der unteren Lobau. In: Niederdonau / Natur und Kultur, Heft 17; Verlag Karl Kühne, Wien – Leipzig
- Neilreich, August (1846): Flora von Wien. Eine Aufzählung der in den Umgebungen Wiens wild wachsenden oder im Grossen gebauten Gefässpflanzen, nebst einer pflanzengeografischen Uebersicht. Fr. Beck’s Universitäts-Buchhandlung, Wien
- Reissek, Siegfried (um 1860): Handschriftliches Manuskript zu Flora und Vegetation der Donauauen in Wien und im angrenzenden Niederösterreich. Naturhistorisches Museum Wien
- Geodatenviewer der Stadt Wien:
unter https://www.wien.gv.at/ma41datenviewer/public/ erreichbar. Die Luftbilder können links im Auswahlfeld angefordert, und dann für jedes Einzeljahr eingesehen werden. Die Stadt Wien stellt mit diesem Online-Tool eine außergewöhnliche Möglichkeit zur historischen Erkundung der Landesflächen zur Verfügung. - Nationalpark-Ausstellung in Schloss Orth:
Im Kartenraum können historische Landkarten und Luftbilder übereinander geblendet und die landschaftliche Entwicklung sichtbar gemacht werden. - Revierförster Ing. Günter Walzer:
Besten Dank für die Bereitstellung wichtiger Informationen.

